Neue Ansätze in der Akut- und Langzeitbehandlung der Schizophrenie

Im Workshop «International Update on Acute and Long-term Treatment of Schizophrenia: New Data and New Approaches» diskutierten Professor Christoph Correll (The Donald and Barbara Zucker School of Medicine at Hofstra/Nothwell, USA und Charité Universitätsmedizin, Deutschland), Professor Leslie Citrome (New York Medical College, USA) und Professor Ira Glick (Stanford University of Medicine, USA) über Forschungsergebnisse und gaben praktische Ratschläge für die bestmöglichen Behandlungsoptionen bei Schizophreniepatient:innen in der Akutphase, in Phasen der Agitation und im Verlauf ihres Lebens. 

Behandlungsmanagement zur Verringerung von Rückfällen

 

Eine über längere Zeit unbehandelte Psychose zählt zu den veränderbaren Risikofaktoren für schlechte Behandlungsergebnisse bei Schizophrenie-Patient:innen.1 Gemäss Professor Correll kann dem durch eine geeignete Behandlung während der ersten Episode, während der die Patient:innen am besten auf Antipsychotika ansprechen, entgegengewirkt werden.2 Man erreicht bessere Heilungschancen und verringert Rückfälle, Spitalaufenthalte und Behandlungsabbrüche am effizientesten durch frühzeitige Massnahmen, bei denen die Medikation mit einer psychosozialen und therapeutischen Behandlung kombiniert wird.3

 

Frühzeitige Massnahmen führen zu besseren Heilungsraten und weniger Spitalaufenthalten und Rückfällen

 

Die Erhaltungstherapie ist entscheidend, zur Verringerung von Rückfällen; Professor Correll schlug vor, die Patient:innen durch Motivationsgespräche zu ermutigen, ihre Medikamente weiterhin einzunehmen. Sobald eine stabile Medikamentendosis erreicht wurde, bei der Symptome am besten kontrolliert und unerwünschte Ereignisse gleichzeitig begrenzt sind, sollte die Dosis nicht verringert werden, weil dadurch das Rückfallrisiko erhöht wird4 - unabhängig davon, wie lange eine Person bereits Medikamente erhält.5

 

Die Erhaltungstherapie ist entscheidend

 

Der Einsatz eines langwirksamen injizierbaren Antipsychotikums (LAI) kann die Medikationsadhärenz verbessern und das Rückfallrisiko senken6, wobei die meisten antipsychotischen LAI der zweiten Generation hinsichtlich Rückfallprävention und Behandlungsabbruchs vergleichbar sind.7  Zu beachten ist jedoch, dass die mit einigen Antipsychotika8 assoziierten Nebenwirkungen die Funktionsfähigkeit beeinträchtigen können, was die Lebensqualität mindern und die Adhärenz verschlechtern kann.9 Dies bedeutet, so Professor Correll, dass die Behandlung individuell auf die Patient:innen abgestimmt werden muss.

 

Die Behandlungen müssen auf die Patient:innen abgestimmt werden

 

Wie Professor Correll betonte, sind die Nebenwirkungen von Antipsychotika besser vorhersehbar als deren Wirksamkeit, weil sie in direktem Zusammenhang mit dem Wirkmechanismus der Medikation stehen.10 Metabolische Nebenwirkungen können von besonderer Bedeutung sein, weil bei Schizophreniepatient:innen das metabolische Syndrom und kardiovaskuläre Risikofaktoren mit kognitiven Beeinträchtigungen assoziiert sind.11

 

Behandlung von Agitation und Aggression bei Schizophrenie

 

Bei einigen Patient:innen beinhalten die Schizophreniesymptome auch Phasen der Agitation12, erklärte Professor Citrome. Das BETA-Projekt (Best practices in Evaluation and Treatment of Agitation) wurde aufgrund mangelnder Qualitätsrichtlinien ins Leben gerufen.13 Das Konsensus-Statement beinhaltete als primäres Ziel die Beruhigung der Patient:innen, was zunächst mit nicht-pharmakologischen Methoden versucht werden kann. Von Medikamenten, die ausschliesslich zur Ruhigstellung des Patienten oder als Einschlafhilfe eingesetzt werden, wird abgeraten. Intramuskuläre Präparate können verwendet werden, wenn die Verabreichung oraler Medikamente sich als problematisch erweist.14 Ein weiterer Punkt war die Beteiligung des Patienten bei der Auswahl der Medikation, was gemäss Professor Citrome zu einer besseren therapeutischen Allianz führen kann.

 

Bei Patient:innen mit Agitation ist Beruhigung das vorrangige Ziel

 

Für medikamentöse Behandlung empfahl Professor Citrome Antipsychotika der zweiten Generation15, die einen leichteren Übergang zur Erhaltungstherapie ermöglichen können. Abschliessend erwähnte er neue inhalative16, sublinguale und nasal anzuwendende Antipsychotika der zweiten Generation (SGA), die sich aktuell in der Entwicklung befinden und somit derzeit nicht für den klinischen Einsatz zugelassen sind.17

 

Antipsychotika zur lebenslangen Symptomkontrolle

 

Professor Glick erörterte, dass eine lebenslange Behandlung von Schizophreniepatienten auch dessen Familie sowie Lebenspartner:innen, Betreuer:innen und die medizinisch-psychiatrischen Fachpersonen einbeziehen muss. Er verwies auf drei seiner Studien, alle naturalistisch, die die lebenslange Adhärenz einer antipsychotischen Behandlung, die globalen Resultate im Leben und die Lebenszufriedenheit untersuchten.

 

In der ersten Studie, die in der Klinik von Professor Glick durchgeführt wurde, bestand die Kohorte (n=35) überwiegend aus Männern (74%; Durchschnittsalter 45.3 Jahre), die zum grössten Teil (75%) keine komorbide Substanzkonsumstörung (SUD) aufwiesen und die im Durchschnitt 10.2 Jahre lang in Behandlung waren.18 In der zweiten Studie, die von einer unabhängigen klinischen Forschungsorganisation in einem anderen Zentrum durchgeführt wurde (n=34), war das Durchschnittsalter mit 47.3 Jahren vergleichbar. 61 % der Patienten waren männlich, die Anzahl von Patienten mit SUD war höher (61 %) und sie befanden sich im Durchschnitt 20.6 Jahre in Behandlung.19 In der dritten Studie, einer Spitalkohorte der Veteran's Administration (VA) (n=20), waren die Patienten älter (Mittelwert 57.0 Jahre), 95% waren männlich und 40% wiesen eine SUD auf.20

 

Eine höhere Adhärenz führt zu einem höheren Mass an Funktionsfähigkeit und Lebenszufriedenheit

 

Die bewertete Adhärenz und die von Patient:innen und Ärzten berichtete Lebenszufriedenheit und Funktionsfähigkeit waren in der ersten Studie hoch, in der zweiten Studie18 mittel und in der dritten Studie niedriger.1920 In all diesen Studien stellte Professor Glick jedoch fest, dass bessere Bewertungen auf diesen Skalen mit der Medikationsadhärenz assoziiert waren.18-20 Er wies darauf hin, dass die Sample-Grössen klein waren und die Ergebnisse der Kohorten wahrscheinlich nicht generalisierbar seien. Auch waren die Untersuchungen weder randomisiert noch kontrolliert, so dass grössere, formalere Studien erforderlich sind.

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  1. Carbon M, Correll CU. Clinical predictors of therapeutic response to antipsychotics in schizophrenia. Dialogues Clin Neurosci. 2014; 16: 505-524.
  2. Zhu Y, et al. How well do patients with a first episode of schizophrenia respond to antipsychotics: A systematic review and meta-analysis Eur Neuropsychopharmacol. 2017; 27: 835-844.
  3. Correll CU, et al. Comparison of Early Intervention Services vs Treatment as Usual for Early-Phase Psychosis: A Systematic Review, Meta-analysis, and Meta-regression. JAMA Psychiatry. 2018; 75: 555-565.
  4. Højlund M, et al. Limitations in Research on Maintenance Treatment for Individuals With Schizophrenia. JAMA Psychiatry. 2022; 79: 85-86.
  5. Tiihonen J, et al. 20-Year Nationwide Follow-Up Study on Discontinuation of Antipsychotic Treatment in First-Episode Schizophrenia. Am J Psychiatry. 2018; 175: 765-773.
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  7. Ostuzzi G, et al. Maintenance Treatment With Long-Acting Injectable Antipsychotics for People With Nonaffective Psychoses: A Network Meta-AnalysisAm J Psychiatry. 2021; 178: 424-436.
  8. Dibonaventura M, et al. A patient perspective of the impact of medication side effects on adherence: results of a cross-sectional nationwide survey of patients with schizophrenia BMC Psychiatry. 2012; 12: 20.
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  20. Glick ID, et al. Are Patients With Schizophrenia Better Off With Lifetime Antipsychotic Medication? Replication of a Naturalistic, Long-Term, Follow-Up Study of Antipsychotic TreatmentJ Clin Psychopharmacol. 2020; 40: 145-148.